Einzelnen Beitrag anzeigen
Alt 14.05.2016, 05:24   #4 (permalink)
infected
Überholer
 
Registriert seit: 07.05.2016
Beiträge: 115
Standard

Zug- und Druckstufe einstellen

Zur Theorie:

Eine Feder alleine wäre als Fahrwerk schon fast ausreichend sollte man meinen. Kommt da so ein Stoß in Form eines Schlaglochs daher, dann fährt die Feder (dank des dynamischen Negativfederwegs), erst mal aus, der Reifen wird ins Schlagloch gedrückt, die Maschine bleibt dabei aber ruhig. Jetz kommt die Kante und der Reifen wird vom Schlagloch wieder rausgedrückt und die Feder staucht sich.

Frage: Bleibt die Maschine ruhig, oder wird die nach oben gedrückt?

Richtig, der Schlag wirkt in Sekundenbruchteilen auf die Feder, die Feder staucht sich, dehnt sich aber gleich wieder und gibt die freiwerdende Energie an die Maschine ab, denn unten ist Asphalt und der gibt bekanntlich nur sehr widerspenstig nach. Was passiert als nächstes? Die Maschine, die gerade eben noch, geradezu gen Himmel katapultiert wurde, wird von der Schwerkraft eingefangen und fällt wieder voll in die Feder. die Feder staucht sich, dehnt sich, katapultiert die Maschine nach oben, die kommt wieder runter....

Das Spiel kann man ziemlich lang fortsetzen! die Feder ist in Schwingung und mit ihr das gesamte Motorrad.

Hier kommt die Zug- und Druckstufendämpfung ins Spiel. Wenn man die Feder beim Schwingen bedämpft, dann schwingt sie nicht mehr so schnell und damit nicht mehr so lange nach! Das Ganze funktioniert über ein Zylinder - Kolbensystem, dass in der Gabel Cartridge genannt wird. Die Cardridge steht im Öl und ist Öl gefüllt. Die cardridge selbst ist eigentlich der Zylinder in den zwei (oder mehr) Ventile eingelassen sind. Mit einem der Ventile steuert man, wie viel Öl ausströmt wenn man den Kolben in den Zylinder schiebt und das andere Ventil steuert wie schnell das Öl ausströmen kann wenn man den Kolben wieder herauszieht. Um die Cardridge herum sitzt die Feder.

Kommt jetzt wieder so ein Schlagloch daher dann fällt der Reifen nicht mehr einfach ins Loch, sondern macht das etwas langsamer. Das merkt man dann daran, dass einem die Maschine nach unten gezogen wird. Die Feder kann also nicht mehr nach Lust und Laune hinterherarbeiten. Klingt erst mal schlecht, ist es aber nicht, das ist gewollt oder besser: in Kauf genommen.

Jetzt kommt der Stoß gegen das Vorderrad, die Gabel taucht ein, aber auch nicht so schnell, wie es nur mit einer Feder passiert wäre. Man hat das Gefühl, jeden Moment in den Lenker zu beißen - klingt auch erst mal Scheisse... :grins:

So, nun will die Feder wieder ausfedern, die Maschine würde zu schwingen beginnen, aber halt! Die Zugstufe lässt die Gabel ja nur langsam ausfedern! Die Feder, die Gabel, die ganze Maschine wird am Schwingen gehindert! Das ist garnet mal so schlecht oder? Warum jetzt dann die Druckstufe? Man stelle sich nur mal vor, man fährt 10 Schlaglöcher hintereinander. Direkt hintereinander.

Durch die gedämpfte Zugstufe kann das Vorderrad nicht schnell genug ausfedern bevor schon der nächste Schlag daher kommt. Wäre jetz keine Druckstufe vorhanden würde die Feder beim ersten Schlag zb 10 mm einfedern. Die Gabel federt aber nur 5 mm aus da kommt der nächste Schlag, wieder 10 mm weiter rein. Wir sind jetz bei 15 mm. wieder 5 mm raus, 10 mm rein und so weiter. das dauert nicht lang und die Gabel ist voll eingefedert, geht auf Block und das wars dann wieder.
Hier kommt die Druckstufe ins Spiel, die verhindert dass die Feder in zu kurzer Zeit zu weit einfedert. In unserem Beispiel mit den vielen Schlaglöchern sähe das dann vielleicht so aus: 6 mm rein, 5 mm raus, wieder 6 rein, 5 raus.... ich kann jetz schon deutlich mehr Schlaglöcher überfahren, bevor was passiert. Optimaler Weise passiert nie etwas. Und mein Tipp ist auch, die Druckstufe etwas härter zu stellen als die Zugstufe.


Genug gequatscht, wie ist nun die optimale Einstellung?

Tja Leute, Pech gehabt, die optimale Einstellung hängt von vielen Faktoren ab und ist damit stark situationsabhängig:
Gelände, Landstraße oder Rennstrecke?
Viel Zuladung, wenig?
Raser oder Cruiser?
Persönliche Vorlieben?

Ich könnte euch da nur vorort helfen. Aber ihr sollt es ja selbst lernen und ihr seid beim lesen schon so weit gekommen, da wäre aufgeben auch irgendwie Scheisse, oder?
Für die Zugstufe hab ich allerdings einen kleinen Tipp: Bei Straßen- und Rennmaschinen solltet ihr schauen, dass die Zugstufe so eingestellt wird dass das Fahrzeug etwa 0,5 bis 1,0 Sekunden zum ausfedern braucht. Ihr orientiert euch näher an der einen Sekunde. die 0,5 sind eigentlich nur auf der Rennstrecke zu gebrauchen.


Hier also meine Hilfe zur Selbsthilfe:

Ihr beginnt damit, euren Reifendruck zu kontrollieren und ggf einzustellen. Dann stellt ihr den Negativfederweg ein. Wenn ihr das dann alles erledigt habt fangt ihr beim Herstellerhandbuch, auch Bedienungsanleitung genannt, an. Ihr stellt erst mal alles auf Standard, so wie es im Handbuch steht, denn Standard ist erst mal nie verkehrt. Ihr besorgt euch ein Büchlein und einen Stift, bewaffnet euch mit einem geeignetem Schraubenzieher und haut euch auf eure Hausstrecke - oder die Strecke, auf die ihr euer Motorrad abstimmen möchtet. Dort angekommen fahrt ihr mal eine Weile auf und ab und analysiert dabei für euch alle Auffälligkeiten des Fahrwerks. Sollte es keine geben und ihr habt 100%iges Vertrauen zu euerem Motorrad: Glückwunsch! Standard ist euer Ding! Für alle, die kein Handbuch zur Hand haben: Ihr dreht erst mal alle Einstellschrauben ganz nach links. Aber vorsichtig, wenn ihr einen Anschlag spürt, aufhören zu drehen, weiter geht es nicht! Dann dreht ihr wieder nach rechts und zählt dabei die Klicks. Anschließend stellt ihr alles auf ca die Hälfte der zur Verfügung stehenden Klicks ein. Macht eine Probefahrt und notiert euch, was euch auffällt.

Solltet ihr keine Klicks spüren oder keinen Anschlag haben: Gratulation! Eure Gabel oder euer Federbein gehören zum Service! :Gute Besserung.

Alle anderen notieren sich in ihrem Büchlein unter Standard eben jene Auffälligkeiten, dann nehmen sie den Schraubenzieher und verändern eine Einstellung an einem Fahrwerksteil mal um 5 Klicks. Nahezu egal in welche Richtung. Aber wenn es Anhaltspunkte dafür gibt, dass es zu hart oder zu weich ist, dann könnt ihr direkt versuchen, das zu korrigieren. Dann wird eine Probefahrt gemacht und wieder alles notiert. Dann folgt die nächste Einstellung und immer so weiter. Und immer alles brav aufschreiben, denn ich verspreche euch, irgendwann wird es unübersichtlich.

Nach einer kleinen Weile, wenn ihr im Groben eine Einstellung gefunden habt die euch zusagt, beginnt ihr mit einzelnen Klicks zu arbeiten und die Einstellung zu verfeinern. Man kann pauschal sagen, dass die Einstellung, auf der sich ein fortgeschrittener, schneller Fahrer, wohl fühlt, auch die optimale Einstellung ist. Hast du absolutes unerschütterliches Vertrauen zu deiner Maschine, während du die Kurven wetzt, dann wird das Fahrwerk auch passen. Habt ihr aber das Gefühl, hinten schwingts zu viel oder vorn taucht mir die Front zu stark weg wenn ich über diese und jene Bodenwelle fahre, dann probiert lieber noch etwas weiter.

Solltet ihr euch eine Buckelpiste zum einstellen ausgesucht haben, dürft ihr euch natürlich nicht wundern, wenn ihr auf glatter Fahrbahn dann davon schwimmt wie auf einem fliegenden Teppich. Umgekehrt dürft ihr euch nicht wundern, wenn euch die Plomben aus den Zähnen fallen. Die optimale Strecke zum einstellen ist entweder die Hausstrecke die man immer fährt oder eine gute, ausgewogene Strecke, die ein bisschen uneben ist und von allem etwas zu bieten hat.


Vielleicht eins noch: Ein gutes Fahrwerk wird einen Anfänger und auch einen Fortgeschrittenen nie schneller machen, als er ist. Ihr werdet fahrerisch keinen Unterschied zum Serienfahrwerk herausfahren können. Ihr werdet kein Rossi werden. Aber ihr könnt euren Wohlfühlfaktor und damit auch den Spaßfaktor dramatisch erhöhen. Erst wenn man wirklich Profi ist, kann man auf Sekunden (oder eher zehntel) Jagd gehen.

Es mag jetzt auch vielleicht nach viel Arbeit klingen. Aber ich denke, dass das ganze Thema Druck- und Zugstufe innerhalb einer Stunde zu erledigen ist.
infected ist offline   Mit Zitat antworten
Ungelesen 14.05.2016, 05:24   #1 (permalink)
Biker Ad
Verbraucherinformationen für Biker
 
Registriert seit: 08/2007
Ort: Überholspur
 
Ab dem 101. Beitrag ohne Biker Ad