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Alt 25.01.2018, 23:19   #1 (permalink)
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Motorrad: Simson Schwalbe KR51/2, Yamaha XVS 1100
Standard Reparaturbericht mit Happy End: Aprilia Ditech SR50 springt schlecht an…

Der Patient, ein Ditech-Roller aus dem Jahre 2000, erstanden für 380 Euro, zeigt folgende Symptome:
  • Miserables Anspringen in kaltem Zustand
  • Zündaussetzer beim Lauf
  • Verrußtes, schwarzes Zündkerzenbild
  • Temperaturanzeige der Wasserkühlung bewegt sich nicht aus der Nullstellung

Ein Auslesen des Fehlerspeichers bringt beim ersten Durchlauf eine Unmenge an Fehlern, nach dem Löschen des Speichers gibt allerdings nicht ein einziger Fehler einen Hinweis auf mögliche Fehlerquellen. Alle Fehler sind verschwunden, zumindest für das Steuergerät ist alles in bester Ordnung.

Ein erstes Ersetzen der Uralt-Zündkerze, die mit teilweise abgebrochenem Isolator und dicker Ruß-Schicht kurz vor dem kompletten Kollaps operiert, bringt beim Startverhalten keine Verbesserung. Immer noch muss man minutenlang orgeln, bis der Motor mühsam anspringt. Immerhin sind die Zündaussetzer bei laufendem Motor verschwunden.

Mit Leckspray wird der Motor eingesprüht, um zu checken, ob durch angesaugte Nebenluft das Sprit-Luftgemisch verändert wird. Ohne Ergebnis, alles ist dicht.

Ein Kompressionstest (27, 95 Euro für ein Köfferchen mit Adaptern für verschiedene Gewinde etc., sehr empfehlenswert) soll Aufschluss über den Zustand des Motors geben:


Per Adapter wird der Anschluss-Schlauch des Prüfers mit der Messuhr in das Zündkerzengewinde geschraubt und der Anlasser betätigt. Ein Schleppzeiger zeigt den Druck in PSI und kg/cm2 an. Die letzte Anzeige entspricht mehr oder
weniger dem aktuell gültigen Bar (1Bar = 0,9869 kg/cm2).

Tatsächlich zeigt die Druckprüfung statt der nötigen 7-9 Bar magere 4,2 Bar Kompressionsdruck des Zylinders. Also wird die hintere Plastikverkleidung abgeschraubt, das Kühlwasser abgelassen, die Verkabelung gelöst, die Verbindung von Roller-Rahmen und Motor durch die Hauptsteckachse gelöst und der Motorblock mit dem Hinterrad zur Seite geschoben. Nach Entfernen des Auspuffs und Lösen der Zylinderkopfschrauben können Zylinder und Kolben gecheckt werden. Was die schlechte Kompression vermuten lässt, bestätigt sich: Zylinder und Kolben sind in miserablem Zustand. Riefen im Zylinder, dazu sind die Kolbenringe kaum noch beweglich, eine Ecke des Kolbens zeigt eine tiefe Macke, insgesamt schreit alles nach Ersatz.

Das Schüler-Budget reicht nicht für ein vernünftiges Zylinder-Set, was im Original mehr als 300 Euro gekostet hätte. Auch ein Markenset hätte mit ca. 200 Euro mehr als die Hälfte des Rollerpreises ausgemacht. Stattdessen wird ein BGM-Set (Kolben, Zylinder, Kolbenringe, eine Fuß- eine Kopf- eine Auspuffdichtung) für gerade mal 49 Euro plus Porto bestellt.



Bis die Teile geliefert sind, wird das Temperatur-Anzeigeproblem angegangen. Im Zylinderkopf sitzen der Thermostat, der in geschlossener oder offener Stellung, temperaturabhängig, die Kühlung des Motors beeinflusst und der Temperatursensor, der die Temperatur misst und die Daten an das Steuergerät sendet. Ist da was defekt, könnten die zu niedrigen Temperaturwerte das Steuergerät zu einem zu fetten Gemisch nötigen, was die permanent verrußte Zündkerze erklären würde. Allerdings müßte dann der Roller eher besser in kaltem Zustand anspringen und warm mucken, als anders herum. Wäre der Thermostat in geschlossenem Zustand defekt, müßte der Motor schnell heißer werden bis zum Überhitzen, was bei intakter Anzeige und funktionierendem Thermo-Sensor an den Instrumenten ab zu lesen wäre. Auf alle Fälle werden die elektrischen Verbindungen überprüft und mit Kontaktspray bearbeitet. Weitere Arbeiten werden zurück gestellt, da das Zylinderkit geliefert worden ist.



Der Einbau des Alu-Kolbens macht Probleme. Zwar lassen sich die Kolbenringe montieren, der Zylinder will dann aber nicht über den bereits montierten Kolben am Pleuel. Anders herum funktioniert es dann: Der abgebaute Kolben wird mit den Kolbenringen ein Stück in den Zylinder gedrückt und dann erst am Pleuel befestigt. Wer übrigens einfach mal den Kolben mitsamt den Kolbenringen in den Zylinder steckt und dabei die Markierung auf dem Kolben, die zum Auslass zeigen muss, nicht beachtet, kann danach meist alles neu bestellen, da er den mit seinen Kolbenringen in den Ein- oder Auslässen verklemmten Kolben nicht mehr heil aus dem Zylinder bekommt.

Der Kompressionstest nach der Zylinderkit-Montage ist ernüchternd: Knapp 6 Bar zeigt die Uhr, zu wenig für einen gutes Startverhalten des Motors. Was jetzt? Ein Check der sträflicher Weise ohne Drehmomentschlüssel angezogenen Zylinderkopf-Schrauben zeigt, das zwei Schrauben nicht fest genug angedreht wurden. Alle vier Schrauben werden nachgedreht und das Wunder ist da: Der Roller startet auf den ersten Anlasser-Druck! Dafür scheint der Auspuff nicht richtig montiert, da der Roller wesentlich lauter geworden ist.

Ein Check des Auspuffs ergibt folgendes: Der Nachrüst-Auspuff wurde mit einer aluminiumartigen Flachdichtung falsch montiert und zeigt einen Steg, einen Rohrüberstand, der aber nicht in die Auslassöffnung des Zylinders passt, auch nicht in den alten Zylinder. Die richtige ringförmige Quetschring-Dichtung wird montiert, bringt erstaunlicherweise aber keine akustische Verbesserung. Wieder Rätselraten. Leckspray wird auf die Verbindung Zylinder/Auspuff gespritzt, aber alles ist dicht, der Lärm muss von anderer Stelle kommen!



Die Variomatikabdeckung wird geöffnet und die vordere Riemenscheibe abgenommen. Hier scheint alles in Ordnung. Ein Drehen an der Hauptwelle zeigt dann den Übeltäter: Beim Drehen des Kolbens ist ein leichter Anschlag spürbar. Durch das Anziehen der Zylinderkopf-Schrauben ist der Kolben in Kontakt mit dem Zylinderkopf gekommen!

Die Demontage des Zylinderkopfes zeigt tatsächlich Spuren des Kolbens in der Russ-Schicht am inneren Zylinderkopf. Der Kolben hat auf den Zylinderkopf gehämmert und damit den Motorlärm vervielfacht. Das als „in allen Details dem Originalteil“ entsprechende Kit zeigt ernüchternde Fertigungstoleranzen. Erfreulicherweise ist uns nicht alles um die Ohren geflogen, also bekommt der Roller eine zweite Chance. Offensichtlich stimmt die Quetschkante nicht. Dieser Abstand zwischen Kolben und Zylinderkopf im oberen Totpunkt sollte ca. 0,6 – 0,8 mm betragen. Da der Kolben am Kopf angestoßen ist, muss die Zylinderfuss-Dichtung, mit der die Quetschkante eingestellt wird, mindestens um 0,6 mm verdickt werden.



Der Rollerhändler vor Ort hat keine dickeren Zylinderfuss-Dichtungen parat, mit der man das Problem lösen könnte und signalisiert obendrein generell Probleme bei der Beschaffung von Dichtungen für den alten Aprilia-Motor. Auch würden mehrere dünne Dichtungen übereinander oder eine dicke Dichtung zwar den Kolben vom Zylinderkopf trennen, allerdings auch die Kompression wieder verschlechtern. Im schlechtesten Fall würde dadurch der Roller genauso bescheiden anspringen wie vorher. Der Meister rät stattdessen zum Dremel!

Mit Lupenbrille und weichstem Werkzeugaufsatz wird mit dem Dremel der Zylinderkopf vorsichtig bearbeitet. Immer wieder wird der Zylinderkopf auf den Zylinder gesetzt, die Kurbelwelle im Variomatikgehäuse gedreht und der Fortschritt geprüft. Mit Ruß von einer Wachskerze wird dabei immer wieder gecheckt, wo der Kolben noch Kontakt zum Kopf zeigt. Am Kolben selbst wird nur der erhabene Pfeil für die Orientierung beim Einbau weg geschliffen. Insgesamt erstaunt, wie wenig Material abgetragen werden muss. Der enorme Lärm durch das Anschlagen des Kolbens hatte anderes vermuten lassen. Nach einer Stunde Feinstarbeit am offenen Herzen wird alles wieder zusammen geschraubt und der Motor gestartet. Bestes Startverhalten und normale Motorgeräusche erfreuen den jugendlichen Besitzer, der gleich zu einer Probefahrt abdüst.

Die ist nach zwei Runden um den Block schnell beendet, da sich ein Schlauch der Wasserkühlung an der Pumpe hinten gelöst hat und der Roller das Kühlwasser im Schwall verliert. Dafür regt sich mit schnell steigender Temperatur ohne die Wasserkühlung die Anzeige im Cockpit! Die Nadel scheint erst bei drastischem Temperaturanstieg in Bewegung zu kommen, generell aber anzusprechen. Damit dürfte mit Sensor und Thermostat alles in Ordnung sein.

Der Kühlwasserschlauch wird neu angeschlossen und mit einer Schelle gesichert, das Kühlwasser wird aufgefüllt und an Hand einer kleinen Schraube oben auf dem Motor entlüftet.

Seitdem fährt der Roller…
TeddyMcFly ist offline   Mit Zitat antworten
Ungelesen 25.01.2018, 23:19   #1 (permalink)
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Alt 09.02.2018, 03:55   #2 (permalink)
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Cooler Bericht! Danke dafür.

Schön zu sehen, dass du das mit dem günstigen Zylinderkit von Ebay hinbekommen hast. Ich habe das bei meinem alten DiTech drin gehabt und hatte die Gleichen Probleme. Allerdings hab ich dann einen gebrauchten ori Zylinder und Meteor Kolben gewählt. Selbst beim Meteor kolben musste man leicht nacharbeiten (innen für das Nadellager). Aber seitdem läufts gut.

Was hast du denn nun für Kompression? Nochmal gemessen?
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Alt 09.02.2018, 10:49   #3 (permalink)
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Die Kompression interessiert mich auch. Allerdings waren wir so happy, das der Roller wieder lief, das wir nicht mehr gemessen haben. Wenn der Kollege mal wieder vorbei schaut, hole ich aber die Messung nach.

Insgesamt bin ich über die Komplexität des Ditech-Rollers wirklich erstaunt. Wasserkühlung, Einspritzung und Steuergerät sind für einen Roller Baujahr 2000 schon imponierend, auch wenn man die Wartung gerade in Hinblick auf die junge Zielgruppe kritisch sehen muß. Für die ersten Schrauber-Anfänge ist ein Ditech schon eine Herausforderung.

Wenn der Roller läuft, ist der Spaß garantiert. Bei Problemen hilft dann nur ein Forum wie dieses. Daher auch der etwas ausführlichere Reparaturbericht, der hoffentlich anderen weiterhilft und besonders die Hilfesuchenden animiert, bei Problemen auch die finale Lösung hier im Forum zu posten. Oft wird halt nur das Problem beschrieben, händeringend nach einer Lösung gesucht und wenn der Roller wieder läuft, wird vergessen, den entscheidenden Schritt zur "Gesundung" auch mit zu teilen.
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